Impressionen vom Weltladentag 2011

Aufforderung zur Agrarwende: „Öko und Fair ernährt mehr“


Politiker des Stadtrates und den Fraktionen starteten mit einem fairen, regionalen und vitalen Frühstück im Weltladen & RegioMarkt. Hier u.a. Heike Kaster-Meurer, Carsten Pörksen, Michael Henke, Gregor Sickel:

Einstimmung mit Hintergrundinformationen von Herrn Levsen vom Weltladen zum konsumkritischen Stadtrundgang mit den Schwerpunkten Textilien, Kakao und Kaffee:

Pressestimmen:

Allgemeine Zeitung Bad Kreuznach

Wissen, was in die Tüte kommt

24.05.2011 – BAD KREUZNACH

Von Beate Vogt-Gladigau

FAIRER HANDEL Konsumkritischer Stadtrundgang sollen Verbrauchern Zusammenhänge bewusst machen

Globaler Handel bedeutet auch: Produziert wird, wo es am billigsten ist. Unter dieser Taktik darben aber Menschen, die unter unwürdigen Arbeitsbedingungen die Profitmaximierung von Konzernen mit Ausbeutung und Gesundheit bezahlen.

Am Tag des Weltladens holten Ilse Rapp und Ute Ackermann vom Vorstand des Bad Kreuznacher Weltladens mit der Aktion „Konsumkritischer Stadtrundgang“ Politiker mit ins Boot, um durch Themenschwerpunkte an mehreren Stationen auf Ausbeutung und Gesundheitsgefährdung aufmerksam zu machen. Bei dieser Premiere, die als „Entdeckungsreise“ den Zusammenhang zwischen Globalisierung und nachhaltigem Konsum aufzeigte, lauschten aber auch Passanten den Ausführungen.

Konsumenten tragen Verantwortung

„Wir tragen Verantwortung. So, wie wir einkaufen beeinflussen wir das Leben von Menschen in anderen Ländern“, betonte Karsten Levsen, Mitarbeiter des Weltladens, die Vernetzung von ökologischen und sozialen Missständen in Entwicklungs- und Kaufverhalten in den Industrieländern. Durch Druck des Konsumenten kann das Angebot im Interesse einer fairen und gerechten Welt positiv beeinflusst werden. Natürlich waren die Stationen Kleidung, Kaffee, Kakao und Schokolade – beispielhaft – an bestimmte Geschäfte in der City gekoppelt, aber Aufklärung stand im Vordergrund, nicht Diffamierung. Deutlich wurde auch die Abgrenzung der verschiedenen Siegel. Die Auszeichnung Bio-Ware bezieht sich auf den Anbau und die Produktion ohne Pestizide, während das Label „Fair Trade“ den Handelskontakt mit Arbeitern und Kleinbauern beschreibt, die durch einen gerechten Lohn eine Existenzgrundlage erhalten und nicht an den sozialen Rand gedrängt werden.

Start und Ziel der Exkursion war der Weltladen in der Hans-Schumm-Straße, dessen Produkte unter menschenwürdigen Bedingungen hergestellt und zu fairen Preisen gehandelt werden. Den Part der Bekleidung hatte eindrucksvoll Karsten Levsen übernommen, der den Anbau von Baumwolle in subtropischen Ländern unter Einsatz von extrem viel Pestiziden schilderte. In Indien wird die Hälfte dieser toxischen Spritzmittel auf Baumwollplantagen eingesetzt, die aber nur fünf Prozent der gesamten Ackerfläche umfassen.

Kinder durch Pestizide gefährdet

450 000 Kinder, die besonders gefährdet sind, arbeiten auf diesen Plantagen. Levsen wünscht sich, dass Bio-Ware von großen Unternehmen verstärkt angeboten wird. Es gebe sie, aber man müsse erst gezielt nach kontrolliert gehandelten Produkten mit Gütesiegel fragen, kritisierte Levsen. Immens ist auch die Bewässerung von Baumwollpflanzen: Für eine Jeans werden 40 000 Liter Wasser benötigt. Levsen „schneiderte“ auch fiktiv eine Jeans „nach Maß“ – von der Baumwollkapsel bis zur kaufreifen Ware. Bei dieser globalen „Entwicklungsreise“ zu den jeweils preisgünstigsten Produktionsstätten zum Färben, Weben, für Zuschnitt Konfektionierung und Sandbestrahlung schafft es die Hose auf 40 000 Kilometer. Schuld an dieser Prozedur seien auch die niedrigen Transportkosten. Der Kreislauf geht noch weiter: Die einstige Lieblings-Jeans landet, wenn sie ausgedient hat – eventuell in Afrika.

Auch die Informationen von Ilse Rapp über den Anbau von Kaffee deckten sich mit menschenverachtenden Arbeitsbedingungen wie bei der Baumwolle: Pestizideinsatz ohne Schutzkleidung, geringem Lohn und mühsamer Ernte mit der Hand, da die Bohne nicht maschinell gepflückt werden kann. Geschätzt wird, dass rund 125 Millionen Kleinbauern und Arbeiter vom Kaffeeanbau abhängig sind.

Kaffe und Schokolade selten sind fair gehandelt

Deutschland zählt zu den größten Abnehmern von Importkaffee, jeder Deutsche trinkt durchschnittlich vier Tassen pro Tag (in der Rankingliste noch vor Bier!). Das entspricht 6,7 Kilo pro Jahr. Rapp fordert, dass vor allem große Röstereien fair gehandelten Kaffee ins Sortiment nehmen.

Nur zwei Prozent fair gehandelte Schokolade steht in Deutschlands Regalen, betonte Sophie Haasis. 9,5 Kilogramm schnabuliert aber jeder Deutsche im Jahr. Die weltweit größte Kakaoproduzentin ist die Elfenbeinküste. Dort schuften 600.000 Minderjährige auf den Plantagen, 12.000 sind Sklaven aus den Nachbarstaaten Mali, Togo und Burkina Faso. Seit zehn Jahren gibt es zwar die International Cocoa Initiative von großen Markenfirmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Abschaffung der Kinderarbeit – bislang mit geringem Erfolg. Hinzu kommt: Nur wenige Konzerne teilen sich den Markt und haben daher auch enormen Einfluss auf Branche und Preise.

Zu einem „Konsumkritischen Stadtrundgang“ hatte Ilse Rapp (vorne recht) vom Vorstand des Weltladens/RegioMarkts am „Tag des Weltladens“ eingeladen. Eine der Stationen hatte auch die LiHi-Schülerin Sophie Haasis (vorne links) übernommen und sprach über fair gehandelten Kakao. Fotos: bev

Zu einem „Konsumkritischen Stadtrundgang“ hatte Ilse Rapp vom Vorstand des Weltladens/RegioMarkts am „Tag des Weltladens“ eingeladen. Eine der Stationen hatte auch die LiHi-Schülerin Sophie Haasis (vorne links) übernommen und sprach über fair gehandelten Kakao. Fotos: bev

ANGEBOT DER WELTLÄDEN

Sophie Haasis hatte mit Freunden das Seminar „Weltbewusster Stadtrundgang“ in Worms besucht. Angeboten wurde es vom Dachverband der Weltläden. Die Schülerin der 12. Klassenstufe des Lina-Hilger-Gymnasiums erfuhr dort ebenso wie Jule Lagoda, wie „Konsumkritische Rundgänge“ effektiv anzubieten sind.

Je nach Altersgruppe und Interesse können auch die Themenschwerpunkte Papier, Fleisch, Fisch, Banken oder Blumen kritisch betrachtet werden. Haasis und Lagoda möchten in Zukunft als junge Menschen für junge Menschen, unter anderem auch für jüngere Lehrer, solche Stadtrundgänge ausrichten. Sie könnten außerdem Teil von Projekten für Religions-, Ethik- oder Sozialkundeunterricht sein.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.